Sprache, Termine und Zahlenverständnis sind große Hürden

Ulrich Nolte (von links), Nahid Nateqi und Dirk Steffens sind Integrationshelfer in der Freiwilligenagentur Freiraum in GehrdenHubert Matyschok (von links) Najla Hamo, Nahid Nateqi und Ulrich Nolte im Reichstag in Berlin

Gehrden. 

Die Flüchtlingsfamilien aus Syrien und Afghanistan haben große Schwierigkeiten mit dem Verständnis der Zeitrechnung und dem Zahlensystem. „In ihrem Sprachbereich gibt es gar nicht den Begriff Kalender, wie wir ihn kennen“, sagt Nahid Nateqi. Die ehrenamtliche Helferin arbeitet als Dolmetscherin in der Freiwilligen Agentur Freiraum Gehrden mit. Nahid Nateqi wurde in Afghanistan geboren und kann die beiden Kulturkreise und Sprachen sehr gut vergleichen. Der islamische Kalender kennt zwölf Mondmonate mit jeweils 29 oder 30 Tagen. Er ist dadurch elf Tage kürzer als das Sonnenjahr nach christlicher Zeitrechnung. Die islamische Zeitrechnung beginnt erst im Jahr 622 nach der christlichen Zeitrechnung. „Die Flüchtlinge können nicht verstehen, weshalb wir bereits im Jahr 2016 sind. Oft fehlt ihnen ein komplettes Zeitgefühl, so wie wir es gewohnt sind“, so Nahid Nateqi. Neugeborene Kinder werden auch nur mit dem Vornamen und dem Geburtsjahr ohne Tag und Monat in ihren Herkunftsländern eingetragen. „Deshalb werden die Kinder von Flüchtlingsfamilien oftmals mit dem 1. Januar ihres Geburtsjahres in den amtlichen Unterlagen in Deutschland erfasst“, weist Nahid Nateqi auf eine weitere Besonderheit hin. „Unsere Zeitrechnung mit Jahren, Monaten, Tagen und Stunden und das Zahlensystem sind eine große Hürde für die Flüchtlingsfamilien“, berichtet die Dolmetscherin von ihrer Arbeit in der Freiwilligen Agentur.

Ulrich Nolte aus Lemmie arbeitet seit Juni 2015 im „Freiraum“ mit und hat bislang elf Flüchtlinge in seinem Wohnort begleitet. Zurzeit betreut er eine fünfköpfige Familie aus Syrien bei Behördengängen und Erledigungen im Alltag. „Die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln ist schon abenteuerlich, wenn Fahrkarten für verschiedene Zonen benötigt werden. Viele unterschiedliche Regelungen bei Verkehrsmitteln, der Trennung von Müll, Vorsorgeuntersuchungen für Kinder oder auch die Kehrwoche im Treppenhaus stellen die Flüchtlingsfamilien vor allergrößte Probleme“, so Nolte. Dabei sind die Flüchtlingsfamilien sehr interessiert, etwas über ihren neuen Wohnort zu erfahren. „Wenn wir ihnen etwas vor Ort zeigen und erklären, wird dies sehr gut angenommen. Ein Rundgang durch die Stadt, das Herstellen von örtlichen Bezügen, Einblicke in unsere Kultur sind mehr als wünschenswert und müsste viel öfter und intensiver möglich sein“, wie Nahid Nateqi und Ulrich Nolte in ihrer Integrationsarbeit erfahren haben.

Dies bestätigt auch Dirk Steffens, der seit Mitte September eine Teestunde nur für Männer an jedem Freitag von 18 bis 20 Uhr im Freiraum anbietet. Die Männer aus Iran, Afghanistan, Syrien und Deutschland sprechen bei einem Glas Tee aus dem Samowar über aktuelle Geschehnisse aus Gehrden und ihren Heimatländern, schauen sich Videos an oder spielen Backgammon. „Die Teilnehmer sind lernbegierig und möchten neue Worte lernen, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern“, so Dirk Steffens.

Als Anerkennung für ihr Engagement in der Integrationsarbeit hatte Bundestagsabgeordnete Maria Flachsbarth die Integrationshelfer aus den zwölf Städten und Gemeinden ihres Wahlkreises zu einem Tagesbesuch nach Berlin eingeladen. Ulrich Nolte, Nahid Nateqi, Najla Hamo und Hubert Matyschok nahmen für die Freiwilligen Agentur Gehrden an dieser Fahrt mit Besichtigungsprogramm und Gesprächen teil.

we, 19.10.2016, 11:41
Redakteure CON

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